Kolumne
Ein Club kann keine Likes auszahlen
Über ein abgesagtes Clubkonzert, späten Vorverkauf und die Frage, warum kleine Bühnen von Likes keine Rechnungen bezahlen können.
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Audio: KI-Version meiner eigenen Stimme · Text & Redaktion: Burg
Kommentar
Kommentar: Norman von Fornhorst zu dem Artikel.
Das Konzert findet nicht statt.
Am 11. September sollten The Vageenas, Fornhorst, Flick Knives und MACSAT in der Goldgrube Kassel spielen. Zwanzig Euro im Vorverkauf. Laut einem von Fornhorst veröffentlichten Beitrag waren am Ende zehn Karten verkauft. Die Goldgrube zog die Reißleine: zu wenig Vorverkauf, Absage, bereits gekaufte Tickets werden erstattet.
Und irgendwo sagt jetzt vermutlich jemand:
„Zum Glück habe ich kein Ticket gekauft. Das Konzert wurde ja abgesagt.“
Worauf jemand anderes antworten könnte:
„Hättest du eins gekauft, wäre es vielleicht nicht abgesagt worden.“
Natürlich rettet kein einzelner Mensch mit einer einzelnen Karte einen ganzen Konzertabend. Aber wenn zwanzig Leute vorsichtshalber warten, sieht der Vorverkauf eben auch nach zwanzig fehlenden Leuten aus. So entsteht eine wunderbar beschissene Logik: Man kauft nicht, weil die Veranstaltung vielleicht ausfällt. Dann fällt sie wegen des schwachen Vorverkaufs aus. Anschließend fühlt man sich in der Entscheidung bestätigt, nicht gekauft zu haben.
Das ist kein Vorwurf an den einzelnen Menschen. Aus seiner Sicht kann das völlig vernünftig sein. Gemeinsam produzieren wir nur leider manchmal genau das Ergebnis, vor dem sich jeder schützen wollte.
Ich kenne das Sofa
Bevor jetzt jemand glaubt, ich würde vom hohen Ross aus Eintrittskarten verteilen: Ich habe selbst jahrelang kaum Konzerte besucht. Nicht aus Verachtung für kleine Bühnen, sondern weil das Leben zwischendurch diese unangenehme Angewohnheit entwickelt, ständig stattzufinden.
Arbeit, Rechnungen und Verpflichtungen fraßen den Tag. Dazu kamen Fahrt, Eintritt und der Rückweg mitten in der Nacht. Am nächsten Morgen sollte man wieder wie ein halbwegs brauchbares Mitglied der Gesellschaft aussehen. Irgendwann wurde aus „Da müsste ich hin“ ein „Beim nächsten Mal“.
Meine Situation hat sich erst vor einigen Wochen verändert. Seitdem hole ich offenbar etwas nach und gehe wieder zu kleinen Festivals, in Clubs oder zu Abenden, bei denen mir der halbe Flyer nichts sagt. Es tut verdammt gut, wieder dort zu stehen, wo Musik gerade passiert.
Deshalb verstehe ich den Menschen auf dem Sofa und ebenso, wenn zwanzig Euro fair, aber trotzdem nicht drin sind. Mit Anfahrt und einer möglichen Übernachtung wird aus einem günstigen Konzert schnell ein Betrag, der mit Familie oder knappem Konto überhaupt nicht günstig ist. Niemand schuldet Punk seine letzten Kröten.
Was mich ratlos macht, ist eher die Verteilung. Für einen großen Namen werden achtzig Euro und mehr bezahlt, dazu Hotel, Fahrt und ein Bier zum Preis eines kleinen Gebrauchtwagens. Drei Wochen später spielen mehrere kleinere Bands für zwanzig Euro, und der Vorverkauf bewegt sich so entschlossen wie ich montagmorgens vor dem Wecker.
Große Bands haben ihr Publikum verdient. Ich war selbst oft genug da, fand es geil und würde wieder hingehen. Nur wächst Qualität nicht automatisch mit der Größe des Schriftzugs auf dem Plakat.
Die Band, die man noch nicht kennt
Fornhorst kannte ich zunächst vom Album und später durch ein Interview mit Norman. Danach war ich ziemlich positiv überrascht. MACSAT liefen mir beim WISPA-Festival über den Weg; anschließend habe ich sie interviewt. Sympathische Leute mit verdammt starker Musik. Flick Knives entdeckte ich über Aggro-Punk. Sie treffen ziemlich genau den Nerv in mir, auf dem seit Jahren „Rancid“ gekritzelt steht, ohne deshalb wie eine Kopie zu klingen.
The Vageenas kenne ich bislang gar nicht.
Früher hätte mich das zögern lassen. Heute ist es eher ein Grund hinzugehen. Wenn mehrere Bands auf einem Flyer stehen, die mich interessieren, will ich wissen, warum die unbekannte danebensteht. Im besten Fall fährt man später wegen ihr mit einer Platte unter dem Arm nach Hause und fragt sich, wie man sie so lange übersehen konnte.
Zu diesem Problem gehört auch, dass Menschen mit ihren Bands älter werden. Wer sie seit zwei Jahrzehnten hört, muss den Konzertabend heute womöglich gegen Frühschicht, Familienalltag oder den eigenen Rücken durchsetzen und wählt genauer aus. Jüngere übernehmen nicht automatisch dieselben Bands und Gewohnheiten. Das ist kein Vorwurf. Die nächste Generation ist keine kulturelle Nachfüllpackung für das, was wir gerne behalten möchten. Nur entsteht dazwischen eben manchmal ein Loch.
Entdeckung war früher nicht automatisch besser, aber schwerer zu vertagen. Flyer und Plakate blieben hängen, im Fanzine stand ein Termin, und beim Bier erzählte jemand von einer Band. Weniger Konzerte schafften es bis zu mir, doch ihre Hinweise hatten Gewicht. Mancher Flyer hing wochenlang am Kühlschrank.
Heute läuft Konzertwerbung über Instagram und Facebook, taucht in Stories, Reels und Eventseiten auf und verschwindet gerade deshalb so schnell. Der Hinweis rauscht zwischen Weltuntergang, Frühstücksfoto und einem Video hindurch, in dem jemand etwas auspackt, das fünf Minuten vorher noch niemand gebraucht hat. Alles ist sichtbar, aber das Konzert wird zu einem weiteren Rechteck im Feed. Freitagabend denkt man: Da war doch irgendwas.
Dazu muss ein Konzert gegen Serienabend, Gaming und den übrigen Freizeitbetrieb bestehen, während Musik jederzeit griffbereit liegt. Wer eine Band verpasst, findet einen Mitschnitt. Das ersetzt keinen verschwitzten Club, nimmt dem Verpassen aber seine alte Endgültigkeit. Man redet sich ein, man könne das später nachholen.
Dieses „später“ endet nur erstaunlich oft bei „nie“.
Das Fieberthermometer
Ein Konzert kostet schon Geld, bevor der erste Akkord gespielt wurde. Personal, Technik, Miete, Unterkunft, Sprit und Werbung lassen sich nicht mit Hoffnung bezahlen. Dass an der Abendkasse plötzlich doch noch sechzig Leute auftauchen, wäre schön. Vorher bezahlen kann man damit allerdings nichts.
Der Vorverkauf ist deshalb nicht das Problem. Er ist das Fieberthermometer.
Zehn verkaufte Karten bedeuten nicht, dass am Ende nur zehn Menschen gekommen wären. Am Ende wären es womöglich fünfzig oder sogar hundert geworden. Nur muss vorher jemand entscheiden, ob er auf diese Hoffnung Geld setzt. Irgendwann gewinnt dann die Mathematik, diese alte Verräterin.
Bei manchen könnte außerdem noch die Corona-Zeit im Hinterkopf sitzen. Damals wurden Veranstaltungen abgesagt, Gutscheine ersetzten zeitweise Rückzahlungen und um einbehaltene Gebühren wurde jahrelang gestritten. Ich kann nicht belegen, dass Menschen deshalb heute grundsätzlich später kaufen. Wer damals schlechte Erfahrungen gemacht hat und nun lieber wartet, erscheint mir aber nicht völlig rätselhaft.
Leider führt auch diese nachvollziehbare Vorsicht zurück an denselben Ausgangspunkt: Wenn genug Menschen erst kaufen wollen, sobald die Durchführung sicher ist, kann der Veranstalter diese Sicherheit nie aus dem Vorverkauf ablesen.
Nicht dasselbe Geschäft
Bei kleinen Strukturen wirkt ein schlechter Abend anders als bei großen. Ein Mailorder, der im Keller Pakete packt, ein mittelständischer Händler mit Lager und Amazon verkaufen formal alle Waren. Trotzdem würde niemand behaupten, sie betrieben dasselbe Geschäft unter denselben Bedingungen.
Mit Veranstaltungen ist es ähnlich. Ein kleiner Club kann ein schwaches Konzert nicht beliebig zwischen großen Tourneen, Sponsoren und anderen Städten verstecken. Er hat weniger Puffer, trägt das Risiko unmittelbarer und muss irgendwann entscheiden, wie viele schlechte Abende er sich noch leisten kann. Ein Konzertkonzern kennt ebenfalls Risiken, kann sie aber anders verteilen.
Die aktuellen Zahlen passen leider ziemlich gut zu diesem Bild: Der allergrößte Teil der Livemusik findet in kleinen Spielstätten mit höchstens 500 Plätzen statt. Dieses Segment kommt bei den Besucherzahlen kaum über das Niveau von 2019 hinaus, während große Veranstaltungen deutlich stärker gewachsen sind. Die kleinen Bühnen bilden weiterhin das Rückgrat der Livemusik. Das Wachstum findet nur offenbar woanders statt.
Wenn ein kleiner Ort aufgibt, wartet nicht automatisch der nächste kleine Ort hinter der Ecke. Häufig bleibt nur die größere, sicherere und planbarere Variante übrig. Dort funktionieren bekannte Namen verlässlicher als Experimente, während der Nachwuchs den Dienstagabend bekommt, falls der Dienstagabend finanziell überhaupt noch lebt.
Kulturverlust beginnt nicht erst, wenn ein Club endgültig abschließt. Er beginnt auch dort, wo nach mehreren schlechten Abenden keine unbekannte Band mehr gebucht wird oder ein abgesagtes Festival samt Helfern, Kontakten und Erfahrung nicht zurückkehrt. So sieht Kulturverlust oft aus. Nicht mit Trauermarsch, Pressekonferenz und betroffenem Gesichtsausdruck. Jemand schaut auf zehn verkaufte Karten, klappt den Laptop zu und veranstaltet diesen Abend kein zweites Mal.
Anwesenheit
Ich will daraus keine Eintrittskartenpflicht für Menschen mit Lederjacke bauen. Wer Kinder versorgt, Schicht arbeitet, krank ist, weit weg wohnt oder schlicht keine Kraft mehr hat, bleibt zu Hause. Das ist kein Verrat an der Szene. Ich war lange genug selbst kaum unterwegs, um jetzt nicht den Punkpapst mit Abendkasse zu spielen.
Trotzdem bleibt eine unbequeme Wahrheit: Wenn wir kleine Clubs wollen, müssen dort oft genug Menschen stehen. Wer unbekannte Bands entdecken möchte, muss ihnen irgendwann erlauben, unbekannt auf einer Bühne zu spielen. Eine Szene bleibt nicht am Leben, weil wir ihre Existenz grundsätzlich sympathisch finden.
Ein Club kann keine Likes auszahlen. Auch „Wäre gern gekommen“ begleicht weder Gage noch Miete, und der Schade-Smiley wird vom Finanzamt weiterhin nicht als Zahlungsmittel anerkannt.
Das Konzert in Kassel ist abgesagt. Auch zwanzig verkaufte Karten hätten womöglich nichts geändert; an der Abendkasse hätten zugleich noch genug Leute auftauchen können. Das weiß heute niemand.
Die Absage ist verständlich. Das Zögern beim Ticketkauf ist es ebenfalls. Genau darin steckt der ganze Mist.
Für das Verschwinden dieser Kultur braucht es am Ende weder ein Verbot noch den endgültigen Ausverkauf. Es reicht, wenn wir alle denken, irgendjemand anderes würde schon hingehen.
Die Bands
- The Vageenas auf Instagram
- Fornhorst – offizielle Website
- Flick Knives auf Instagram
- MACSAT – offizielle Website
Interviews
- Interview mit Norman von FORNHORST – aufgenommen vor etwa zwei Jahren
- MACSAT beim WISPA-Festival 2026 – Interview ab Minute 39:28
Quellencheck: Absage, Line-up und Erstattung sind über die offizielle Veranstaltungsseite der Goldgrube Kassel belegt; der ursprüngliche Vorverkaufspreis über den offiziellen Ticketshop. Die Zahl von zehn verkauften Karten stammt aus dem von Fornhorst veröffentlichten Beitrag und ist entsprechend als Aussage der Band gekennzeichnet. Hinweise zur Corona-Gutscheinlösung und zu Rückerstattungsstreitigkeiten stammen von Bundesregierung und Verbraucherzentrale; die Marktdaten zur Livemusik vom Deutschen Musikinformationszentrum. Persönliche Konzert- und Szeneerfahrungen sind Burg-Erfahrungen.
Kommentar von Norman von Fornhorst
Die folgende Lesefassung basiert auf Normans Audiokommentar. Füllwörter, Versprecher und Wiederholungen wurden für die schriftliche Fassung behutsam gekürzt; Inhalt und Haltung bleiben seine.
Was hat der Späti damit zu tun?
Was genau hat eigentlich der Späti um die Ecke damit zu tun, dass heute keiner mehr Konzerte besucht?
Man muss da ein bisschen im Kreis denken, aber ich versuche das mal anhand eines Beispiels klarzumachen. Ich nenne richtige Zahlen, aber weder einen Club noch irgendeine Band. Dann könnt ihr hören, was es bedeutet, wenn man in einer größeren oder mittelgroßen Stadt ein Konzert organisieren möchte.
Früher bin ich auf ein Venue zugegangen, von dem ich wusste, dass dort hin und wieder Konzerte stattfinden. Ich habe gesagt: Pass auf, ich veranstalte hier Punkkonzerte. Wir haben die Idee, mit drei Bands einen Konzertabend zu veranstalten. Das kostet acht Euro Eintritt oder wie auch immer. Würdest du das machen?
Die Betreiberin oder der Betreiber hat dann gesagt: Jo, mache ich. Oder eben nicht. In der Regel konnte man den Club nutzen, und der Deal war relativ einfach: Der Eintritt ging an die Bands. Die Einnahmen aus Getränken und, wenn es etwas zu essen gab, aus dem Essen gingen an den Club.
Heute funktioniert das nicht mehr. Wenn ich heute auf ein Venue zugehe, muss das kein großer, bekannter Club sein. Das kann auch eine relativ unbekannte Kneipe sein. Sage ich dort, dass ich ein Konzert veranstalten möchte, wird in der Regel entweder eine Miete aufgerufen oder ein garantierter Umsatz gefordert.
Das Venue sagt beispielsweise: Konzert kannst du machen, aber es müssen mindestens 800 Euro am Tresen umgesetzt werden. Passiert das nicht, musst du die Differenz tragen. Alternativ zahlst du 1.000 Euro plus Mehrwertsteuer und kannst das Konzert veranstalten.
Diese Miete muss ich in meiner Kalkulation auf jeden Fall schon obendrauf schlagen.
Was ein Konzertabend kostet
Wir veranstalten Konzertabende in der Regel mit vier Bands. Das hat ein bisschen Festivalcharakter und wird ein längerer Abend. Die Leute trinken dadurch vielleicht etwas mehr, sodass auch der Club zufrieden ist. Gerne hängt man noch eine Disco dran. Solche Dinge werden natürlich immer gern genommen.
Nehmen wir eine kleinere Band, die aber schon eine gewisse Follower-Zahl und Fanbasis hat. Ich weiß also: Wenn ich die buche, kommen vielleicht schon einmal 100 Leute. Diese Band kostet mich in der Regel ungefähr 500 Euro. Dazu kommen die Kosten für die Unterbringung.
Wenn ich das in Hamburg organisiere, gibt es relativ viele Hostels, die günstig zu mieten sind. Mit Glück hat der Club auch eine Bandwohnung. Ist das alles nicht gegeben, werden es Monteurzimmer oder kleine Pensionen. Auf jeden Fall müssen die Leute irgendwo schlafen.
Heute schläft keine Band mehr freiwillig nach der Party auf der Bühne. Ehrlicherweise würde ich das auch nicht tun. Ich hätte keinen Bock darauf.
Die Band kostet also ungefähr 500 Euro. Reist sie zu fünft oder sechst an, kommen rund 200 bis 250 Euro für Übernachtung und vielleicht ein Frühstück dazu. Damit kostet mich diese eine Band ungefähr 750 Euro.
Dann habe ich einen Local dabei, der den Abend eröffnet. Der bekommt eine kleinere Gage, vielleicht 100 Euro. Das ist eine Band, die noch nicht viele Fans hat, vielleicht ein Newcomer. Eine Aufwandsentschädigung soll sie trotzdem bekommen, denn sie macht das auch nicht umsonst.
Dazu kommen zwei Bands, die vielleicht jeweils 300 Euro kosten und ebenfalls von auswärts anreisen. Auch da habe ich Hotelkosten am Hacken. Rechnen wir alles zusammen, kostet ein solcher Konzertabend ungefähr 3.000 Euro.
Früher war nicht alles besser, aber billiger
Das war früher anders. Natürlich waren wir alle 30 Jahre jünger. Die Bands haben in Autos, bei Freunden oder in irgendeinem Wohnzimmer geschlafen. Dass wir uns heute eine richtige Unterkunft gönnen, ist eine gewisse Art von Luxus. Wir sind alle alte Menschen. Aber es ist nun einmal so.
Wenn eine Band 200 Kilometer fährt, stehen allein durch die Fahrt schnell 100 Euro auf der Uhr. Es geht nicht nur um Kraftstoff, sondern auch um Verschleiß und alles, was dazugehört. Man kann nicht mehr so günstig rechnen, wie man das früher gemacht hätte.
Bei Kosten von 3.000 Euro und 200 Gästen muss ich mindestens 15 Euro Eintritt kalkulieren, damit ich, sofern die Leute wirklich kommen, ungefähr bei null lande.
Der Kreis mit dem billigen Bier
Das Problem ist folgendes: Wenn Menschen heute auf Konzerte gehen, fahren sie zumindest in den Städten, in denen ich Konzerte organisiere oder in denen wir mit unserer Band spielen, vorher zum Vorglühen an den Späti um die Ecke. Dort kostet das Bier vielleicht 1,80 Euro und nicht 3,50 Euro.
Deshalb sind die Getränkeumsätze im Venue geringer als früher. Das zwingt die Betreiber dazu, die Preise anzuheben. Weil die Preise höher sind, trinken die Leute weniger. Und weil die Leute weniger trinken, kann es sich kein Club mehr leisten, seinen Laden mitsamt Personal einfach so zur Verfügung zu stellen. Die Umsätze stimmen am Ende des Tages nicht.
So dreht man sich im Kreis. Weil die Mieten hoch sind, müssen wir als Veranstalter den Eintrittspreis anheben. Dann hört man: 20 Euro für vier Bands, das ist aber eine Menge Geld.
Schön wäre es, wenn dem so wäre.
Bands als Textilhändler
Selbst bei größeren Bands, und ich spreche nicht von den Toten Hosen, sondern von bekannteren Bands innerhalb der Punk- und Skaszene, ist es mittlerweile so: Eigentlich sind das keine Musiker mehr, sondern Textilhändler.
Wenn wir irgendwohin fahren, reichen Gage und Spritkohle in der Regel niemals aus, um unsere Kosten zu decken. Eine Band muss mittlerweile auch Proberaummieten bezahlen, die ebenfalls gestiegen sind.
Das ist zugleich ein großes Nachwuchsproblem. Welche Band, deren Mitglieder 17 oder 18 Jahre alt sind, kann sich in einer großen Stadt 200 Euro Proberaummiete leisten? In kleineren Städten gibt es wiederum kaum noch Szene.
Unsere Kosten decken wir über den Verkauf von Merch. Man verkauft T-Shirts, Socken, Platten und was weiß ich nicht alles. Davon kann eine Band ihren Unterhalt bestreiten.
Keine dieser Bands macht das fürs Geld. Deshalb ist es am Ende des Tages auch egal, wenn man 500 Kilometer fährt, Sprit bezahlt, 500 Kilometer zurückfährt und zwei Platten verkauft. Dann hat man eben draufgezahlt. Das ist nicht schlimm, weil wir Musik machen, Leute treffen und unterwegs sein wollen.
Ein bekannter Name ist keine Garantie
Die Organisation von Konzerten wird trotzdem immer schwieriger. Selbst bekannte Namen helfen nicht zwingend. Wir haben zum Beispiel The Vageenas gebucht. Das ist zumindest in Nordrhein-Westfalen und ein bisschen darüber hinaus eine Institution. Trotzdem hat es in diesem Fall keine Sau interessiert.
Bei einem Konzert in Hamburg kam ein anderes Problem hinzu: Die Leute sind irgendwann gesättigt. Wir hatten The Movement aus Dänemark eingeladen, eine echte Live-Garantie. An diesem Tag fanden in Hamburg im Umkreis von 500 Metern sechs Konzerte statt. Da kann die Band noch so viele Menschen ziehen, dann wird das einfach nichts.
Am Wochenende waren wir im Hinterland unterwegs, wirklich ländlich. Selbst dort haben es die Organisatoren zweier Festivals nicht geschafft, sich abzusprechen. Im Umkreis von 50 Kilometern gibt es im Jahr genau zwei Veranstaltungen, die ungefähr dasselbe Punkpublikum ansprechen. Beide lagen am selben Wochenende.
Früher, in der guten alten Zeit, Anno 1830 Kartoffelkrieg, haben Clubs und autonome Jugendzentren auch in größeren Städten ein bisschen darauf geschaut, wer wann was organisiert. Das ist schon lange nicht mehr so.
Am Monatsanfang ist noch Geld da
Wenn ich ein Konzert organisiere und bei einem Venue anfrage, versuche ich, den Termin an den Anfang des Monats zu legen. Anfang des Monats haben die Leute noch Geld.
Mitte des Monats ergibt es bei den gestiegenen Preisen überhaupt keinen Sinn mehr, ein Konzert zu organisieren. Die Menschen haben das Geld nicht übrig. Sie gehen nicht mehr auf drei Konzerte im Monat, sondern vielleicht auf eines in zwei Monaten. Das muss dann natürlich die große Sause sein.
Dass Menschen eher auf große Events und weniger auf kleine Konzerte gehen, ist ein Stück weit Zeitgeist. Machen wir uns aber nichts vor: Wann habt ihr bei einem Punkkonzert zuletzt mehr als ein oder zwei Menschen gesehen, die jünger als 18 waren?
Die Szene ist gealtert. Sie ist jungen Leuten gegenüber auch nicht so einladend, dass wir davon ausgehen könnten, der Nachwuchs werde von allein kommen. Wer heute 16 oder 17 Jahre alt ist und sich in der linken Szene bewegt, tut das häufig in anderen Sphären und nicht unbedingt auf Punkkonzerten.
Das müssen wir akzeptieren. Punk ist in dieser Form eine aussterbende Gattung.
Warum wir trotzdem weitermachen
Uns ist das am Ende des Tages egal, weil wir davon nicht leben müssen. Ich betreibe keinen Club. Ich organisiere ein Konzert immer mit dem Hintergedanken, dass es nach hinten losgehen und ich die Rechnung selbst tragen kann.
Wir organisieren weiterhin Konzerte und laden Bands ein, weil wir hoffen, dass diese Bands ebenfalls ein Konzert organisieren und uns einladen. So hat das vor 30 Jahren gut funktioniert. Ich hoffe, dass es auch heute noch funktioniert. Manchmal klappt es sehr gut.
Auf der anderen Seite werden wir durch Social Media mit Angeboten zugeschissen. Facebook-Veranstaltungen noch und nöcher. Es macht die Organisation nicht einfacher, wenn eine eingeladene Band das Konzert drei Wochen vorher nur in einem Nebensatz erwähnt und hinterher darüber meckert, dass kaum jemand da war.
Das ist auch ein Stück weit selbstgemachtes Leid.
Wenn wir irgendwo eingeladen werden, verbreiten wir das in den sozialen Medien ordentlich, machen Reels und so weiter. Wir haben schließlich ein Interesse daran, dass Menschen kommen. Uns ist egal, ob dort fünf oder 500 stehen. Mit 500 ist es trotzdem ein bisschen geiler. Das müssen wir offen zugeben.
Ich habe mir abgewöhnt, Bands einzuladen, denen es egal ist. Wenn sie den Termin mit keinem Ton erwähnen, nur nebenbei oder nach dem Motto „Ach ja, war ich da nicht bei euch?“, muss man diese Bands nicht einladen.
Der ganze KI-Scheiß
Der ganze KI-Scheiß sorgt außerdem dafür, dass Konzerte austauschbar werden. Beim Doomscrollen bekommt man so viel KI-generierte Kackwerbung in die Timeline gespült, dass man die Konzerte kaum noch auseinanderhalten kann.
Ich bin dazu übergegangen, die Sachen mit einem Kugelschreiber auf Papier zu schreiben und abzufotografieren. Damit motiviere ich mehr Leute, sich das anzuschauen, als mit dem zweihundertsten KI-Flyer. Das braucht wirklich keine Sau.
Was nach wie vor funktioniert, ist Flyer zu verteilen. Wir lassen welche drucken; heute kann jeder über das Internet 1.000 Stück für 30 Euro produzieren lassen. Wenn wir in Hamburg etwas machen, verteilen wir sie dort. Sind wir in einer anderen Gegend unterwegs oder fahren zufällig dorthin, nehmen wir Flyer mit oder schicken sie an den Club.
Doof ist es, wenn die Flyer zurückkommen, weil die Post sie nicht zustellen konnte und der Veranstalter sie nicht bei der Poststation abgeholt hat. Aber Oldschool wirkt. Aufkleber, Flyer, Edding und mit den Leuten reden: So bekommt man die Szene vielleicht noch ein bisschen reaktiviert.
Der Kreislauf, noch einmal kurz
Ich hatte angekündigt, ein paar Worte darüber zu sagen, wie es heute ist, Konzerte zu organisieren. Hier noch einmal zusammengefasst:
Der Eintritt ist teuer, weil Clubbetreiber nicht mehr damit rechnen können, dass die Leute genug trinken. Weil der Eintritt teuer ist, gehen die Leute vorglühen und trinken im Club tatsächlich weniger. Zugleich kommen weniger Menschen zu den Konzerten, weil Veranstalter bei diesen Kosten kein günstiges Konzert mehr anbieten können.
Wir wollen im nächsten Jahr etwas ausprobieren. Wir machen eine GoFundMe-Kampagne. Ich habe gesagt, ein Konzert kostet ungefähr 3.000 Euro. Wenn wir diese 3.000 Euro zusammenbekommen, ist der Eintritt für alle frei.
Das ist meine Idee. Mal gucken, ob es klappt. Ich werde mich in den nächsten Tagen daransetzen. Burg, vielleicht magst du dafür ein bisschen Werbung machen.
In diesem Sinne: Gehabt euch wohl. Norman von Fornhorst. Ciao.