Review
KASSENGIPHT - "Sag Ja": Seid ihr jetzt völlig falsch abgebogen?
KASSENGIPHT haben einen neuen Song veröffentlicht. Er heißt "Sag Ja".
Klingt erst einmal freundlich.
Positiv.
Fast wie ein Motivationscoach, der dich morgens um halb sieben anschreit, endlich dein bestes Ich zu werden. Oder wie ein LinkedIn-Post mit Sonnenuntergang im Hintergrund.
"Sag Ja."
Und dann geht das Ding los.
"Sag ja zum Egoismus und zur Arroganz."
Was?
Wie?
Entschuldigung, KASSENGIPHT, aber wie seid ihr denn bitte abgedriftet? Habe ich irgendetwas verpasst? War ich kurz Bier holen - oder habt ihr unterwegs heimlich Christian Lindner als Texter eingestellt?
Da wird einem Verschwendung untergejubelt, Überfluss schmackhaft gemacht, Egoismus auf den Tisch geknallt und Hochmut gleich noch hinterhergeschoben. Zwischendurch geht es um Fast Fashion, Selbstoptimierung, Kreuzfahrten, soziale Medien und all den anderen Kram, mit dem sich die Menschheit täglich selbst beweist, dass der Untergang wenigstens ordentlich durchdigitalisiert stattfinden wird.
Und ich sitze davor und denke: Leute, das könnt ihr doch nicht ernst meinen!
Tun sie natürlich auch nicht.
Das Problem ist nur: KASSENGIPHT singen das dermaßen konsequent, dass mein Ironieempfänger kurz nach Erfurt funkt und um technische Unterstützung bittet. Das "Ja" ist hier keine Zustimmung. Es ist das Ja, das einem eine Gesellschaft so lange ins Ohr drückt, bis man irgendwann gar nicht mehr merkt, welchem Irrsinn man eigentlich gerade zugestimmt hat.
Konsum? Ja.
Selbstdarstellung? Aber selbstverständlich.
Bequemlichkeit, Ignoranz und immer schön den eigenen Arsch im Blick behalten? Wo muss ich unterschreiben?
Ach so. Nirgends. Das ist Kritik.
Verdammt. Schon wieder auf Satire reingefallen.
Gut, dass wir darüber gesprochen haben.
"Sag Ja" nimmt diese ganze Dauerwerbung fürs vermeintlich gelungene Leben und zieht sie so lange ins Lächerliche, bis von der Hochglanzfassade nur noch der Kassenbon übrig bleibt. Die Aufzählungen wirken dabei nicht wie eine politische Unterrichtsstunde. Eher wie ein Einkaufszettel für den gesellschaftlichen Totalschaden.
Und genau da funktioniert das Ding. KASSENGIPHT erklären nicht lang und breit, warum diese schöne neue Konsumwelt möglicherweise einen kleinen Dachschaden hat. Sie stapeln den Irrsinn einfach vor der Tür, klingeln und laufen weg.
Ich habe natürlich trotzdem erst einmal dastehen und mich empören müssen. Man möchte schließlich nicht völlig umsonst eine Punkreview schreiben.
Also Entwarnung: KASSENGIPHT sind vermutlich nicht über Nacht zu arroganten Nihilisten mit Kreuzfahrtbonusprogramm geworden. Sie halten uns lediglich den Spiegel hin. Und ich habe ungefähr eine halbe Songlänge gebraucht, um zu begreifen, dass der Idiot darin nicht zur Band gehört.
Kann passieren.
"Sag Ja" ist kein Lied über Zustimmung. Es ist ein Lied darüber, wie verdammt einfach Zustimmung geworden ist.
Ich habe das getestet.
Führt nur zu Missverständnissen.