Review
NO BRAKES - Sag mir wo
Website: https://no-brakes.de/
Oh Scheiße.
Gefährliches Lied.
Nicht, weil NO BRAKES hier plump zum Steinewerfen aufrufen würden.
Tun sie nicht.
Sondern weil "Sag mir wo" genau an dieser Stelle kratzt, an der man kurz merkt, dass da noch alte Reflexe im Keller liegen.
Staubig.
Nicht mehr benutzt.
Aber leider nicht komplett verschwunden.
Der Song stellt eine ziemlich hässliche Frage:
Wo sind sie eigentlich?
Diese angeblich überall lauernden linken Straßenkämpfer, vor denen konservative bis rechte Politiker seit Jahren warnen, wenn irgendwo drei Leute mit Antifa-Aufnäher an einer Bushaltestelle stehen?
Sag mir wo.
Genau da wird das Ding unangenehm.
Weil man für einen Moment denkt:
Uff.
Wollen die jetzt ernsthaft dahin?
Dann liest man die Begleittexte der Band.
Und merkt:
Nee.
NO BRAKES wissen sehr genau, was sie da tun.
Sie schreiben ausdrücklich, dass der Song kein Aufruf zur Revolte und kein Aufruf zur Gewalt ist.
Sie rufen dazu auf, rauszugehen, sich zu vernetzen und friedlich zu zeigen, was man von dieser rechtsextremen Partei hält.
Trotzdem bleibt der Song wütend.
Zum Glück.
Denn wenn man so ein Thema zahnlos behandelt, kann man es auch gleich sein lassen.
Musikalisch kommt das Ding nicht auf Zehenspitzen angeschlichen.
Das läuft mit Puls im Hals geradeaus auf dich zu.
Grob.
Direkt.
Melodischer Punkrock, aber nicht mit Blumen im Haar, sondern mit Dreck an den Schuhen und Druck im Nacken.
Der Refrain kommt nicht als freundliche Einladung.
Der kommt wie eine Parole, die man eigentlich nicht mitsingen wollte, bis man merkt, dass der eigene Mund schon offen ist.
Und genau das ist die Stärke.
NO BRAKES liefern keinen Gewaltfantasie-Soundtrack.
Sie liefern einen Wutverstärker.
Einen Song für dieses Gefühl, wenn man wieder Nachrichten liest, wieder diese Partei sieht, wieder dieses Gelaber von "besorgten Bürgern", "Einzelfällen" und "man wird ja wohl noch sagen dürfen" hört und innerlich irgendwas gegen die Wand treten möchte.
Nicht tun.
Aber wollen.
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Vor zwanzig Jahren hätte ich den Song vermutlich anders gehört.
Da hätte ich vielleicht mehr in dieses "Sag mir wo" hineingelegt.
Heute höre ich eher den Frust.
Die Ohnmacht.
Die blanke Verachtung gegenüber diesem rechten Normalisierungszirkus, der seit Jahren durchs Land rollt und überall seine braunen Krümel liegen lässt.
Und ja:
Ich verstehe diese Wut.
Ich mag sie sogar.
Solange sie weiß, wo die Grenze liegt.
NO BRAKES kommen aus Gotha, machen laut eigener Bandseite seit März 2009 melodischen Punkrock und sind nach Pause und Besetzungswechseln seit 2025 wieder mit neuen Songs auf Deutsch und Englisch unterwegs.
Passt.
Denn "Sag mir wo" klingt nicht nach jungen Leuten, die mal eben "gegen rechts" auf einen Flyer schreiben, weil es gerade gut aussieht.
Das klingt nach Leuten, die lange genug dabei sind, um zu wissen, dass Haltung nicht automatisch Heldentum ist.
Manchmal ist Haltung einfach:
Hingehen.
Dableiben.
Nicht einknicken.
Nicht den Rechten die Straße, die Sprache und die Erzählung überlassen.
Der Zeitpunkt ist natürlich kein Zufall.
Der Song erscheint zum AfD-Bundesparteitag in Erfurt.
Und während sich rundherum schon wieder alle gegenseitig erzählen, wer angeblich wie gefährlich ist, machen NO BRAKES etwas ziemlich Kluges:
Sie nehmen dieses Schreckbild vom linken Gewalttäter, halten es hoch, drehen es um und fragen:
Na?
Wo ist er denn?
Wo sind diese Armeen, vor denen ihr immer warnt?
Wo sind diese Leute mit dem geheimen Demogeld?
Wo sind die, wenn die Faschos wieder selbstbewusst durch die Republik marschieren?
Das ist schwarzer Humor.
Bitter.
Nicht sauber.
Nicht bequem.
Aber verdammt treffend.
Und trotzdem bleibt am Ende kein Molotowcocktail in der Hand.
Sondern ein Demoplakat.
Vielleicht ein heiserer Hals.
Vielleicht ein paar kaputte Nerven.
Vielleicht der Wunsch, dass sich mehr Leute endlich bewegen.
Falls ihr am Wochenende nach Erfurt fahrt:
Nehmt Freunde mit.
Nehmt Wasser mit.
Nehmt Haltung mit.
Lasst die Gewaltfantasien zu Hause.
Die Rechten warten nur darauf, dass ihr ihnen die Bilder liefert, mit denen sie sich wieder als Opfer verkleiden können.
NO BRAKES liefern dazu den besseren Soundtrack.
Wütend.
Laut.
Unangenehm.
Aber mit Ansage.
Ach ja.
Und bevor hier jemand diskutiert:
Der Song geht 3 Minuten und 5 Sekunden.
Also sowieso kein richtiger Punkrock.